Bevor es Bildschirme gab, gab es Würfel, Bleistifte und Fantasie. Pen-and-Paper-Rollenspiele – kurz P&P oder TRPG für Tabletop-RPG – sind Gesellschaftsspiele, bei denen eine Gruppe von Spielern gemeinsam Geschichten erlebt. Kein Spielfeld, keine Spielfiguren, keine Konsole. Stattdessen: ein Regelwerk, ein Spielleiter und die gemeinsame Vorstellungskraft aller Beteiligten.
Wie funktioniert ein Pen-and-Paper-Rollenspiel?
Jeder Spieler erschafft zu Beginn einen eigenen Charakter – einen Helden, einen Schurken, einen Magier, einen Krieger, was auch immer das gewählte Setting erlaubt. Dieser Charakter hat Werte: Stärke, Geschicklichkeit, Intelligenz, je nach Regelwerk unterschiedlich benannt und gewichtet. Diese Werte bestimmen, wie gut ein Charakter bestimmte Aufgaben bewältigt.
Eine Person übernimmt die Rolle des Spielleiters – im Englischen Game Master oder Dungeon Master, im Deutschen oft einfach SL oder Meister. Der Spielleiter beschreibt die Welt, schildert Situationen, spricht die Nicht-Spieler-Charaktere und leitet die Geschichte. Er ist gleichzeitig Autor, Schiedsrichter und Schauspieler. Die anderen Spieler reagieren auf seine Beschreibungen, treffen Entscheidungen für ihre Charaktere und schildern, was diese tun wollen.
Ob eine Handlung gelingt, entscheiden Würfel. Der klassische Vielseiter ist der zwanzigseitige Würfel, der W20 – aber je nach System kommen auch W4, W6, W8, W10 und W12 zum Einsatz. Ein Wurf über einem bestimmten Schwellenwert bedeutet Erfolg, darunter Misserfolg oder unerwartete Komplikationen. So entsteht Spannung selbst in vermeintlich kleinen Momenten: Auch das Überreden eines Torwächters oder das leise Öffnen einer Tür kann scheitern – mit entsprechenden Konsequenzen für die Geschichte.
Was brauche ich zum Spielen?
Im Kern wenig: ein Regelwerk, Würfel, Papier und Stift für den Charakterbogen sowie zwei bis fünf weitere Mitspieler. Viele Gruppen spielen an einem Tisch, manchmal ergänzt durch Miniaturen oder handgezeichnete Karten, manchmal gänzlich ohne visuelle Hilfsmittel. Online-Tische über Plattformen wie Roll20 oder Foundry VTT haben in den letzten Jahren auch das gemeinsame Spielen über Distanz etabliert.
Die eigentliche Investition liegt weniger im Material als in der Zeit. Eine typische Spielsitzung dauert drei bis fünf Stunden, längere Kampagnen erstrecken sich über Monate oder Jahre. Wer einmal in einer guten Gruppe gespielt hat, weiß: Diese Zeit vergeht schnell.
Was sind die bekanntesten Systeme?
Dungeons & Dragons ist das weltweit bekannteste Pen-and-Paper-System und der direkte Vorfahre eines Großteils des westlichen Rollenspielgenres – sowohl am Tisch als auch am Bildschirm. Es spielt in klassischen Fantasy-Welten mit Zauberern, Drachen und Verliesen. Die aktuelle fünfte Edition hat das Spiel für eine neue Generation geöffnet und gilt als besonders einsteigerfreundlich.
Im deutschsprachigen Raum hat Das Schwarze Auge einen besonderen Stellenwert. Seit 1984 auf dem Markt, mit einer eigens entwickelten Spielwelt namens Aventurien, hat DSA generationen von Spielern geprägt und gilt bis heute als das meistgespielte deutsche Rollenspiel. Wer hierzulande in den Achtzigern oder Neunzigern aufgewachsen ist und irgendwann einen W20 in der Hand hielt, hat mit großer Wahrscheinlichkeit auf Aventurien gespielt.
Darüber hinaus gibt es eine enorme Bandbreite weiterer Systeme: Pathfinder als regelschwerere D&D-Alternative, Call of Cthulhu für Horrorgeschichten im Lovecraft-Universum, Das Schwarze Auge, Shadowrun für Cyberpunk-Fantasy, Vampire: Die Maskerade für düstere Gesellschaftsdramen, Traveller für Science-Fiction-Abenteuer und viele hundert weitere Systeme für nahezu jedes denkbare Setting.
Was unterscheidet Pen-and-Paper von Videospielen?
Die kurze Antwort: Freiheit. Ein Videospiel, so offen es auch gestaltet sein mag, kann nur auf Situationen reagieren, die seine Entwickler vorgesehen haben. Ein Spielleiter am Tisch kann auf alles reagieren – weil er improvisiert, interpretiert und die Geschichte in Echtzeit anpasst. Wenn ein Spieler beschließt, den Hauptbösewicht zu ignorieren und stattdessen eine Bäckerei zu eröffnen, kann der Spielleiter damit umgehen. Ein Computer in der Regel nicht.
Gleichzeitig haben Videospiele das Pen-and-Paper-Erbe tief verinnerlicht. Spiele wie Baldur’s Gate 3, Planescape: Torment oder Pillars of Eternity wären ohne ihre Tischrollenspiel-Wurzeln undenkbar. Die DNA ist dieselbe – nur das Medium hat gewechselt.
Für wen ist Pen-and-Paper geeignet?
Für alle, die Lust haben, gemeinsam Geschichten zu erleben statt nur zu konsumieren. Pen-and-Paper ist kein Nischenprodukt für Eingeweihte mehr – der Erfolg von Formaten wie Critical Role, in denen professionelle Schauspieler live D&D spielen und dabei Millionen Zuschauer begeistern, hat das Medium in den letzten Jahren einem völlig neuen Publikum erschlossen. Wer gerne Rollenspiele am Bildschirm spielt und sich manchmal fragt, warum diese Spiele ein bestimmtes Gefühl von Abenteuer erzeugen, das anderswo schwer zu finden ist – der findet am Spieltisch möglicherweise die Antwort. Wie Pen-&-Paper die Videospielwelt bis heute prägt, liest du in unserem Meinungsbeitrag Das Abenteuer begann am Küchentisch.
FAQ: Häufige Fragen zu Pen-and-Paper-Rollenspielen
Was brauche ich für mein erstes Pen-and-Paper-Spiel?
Ein Regelwerk, Würfel (mindestens ein W20 und ein W6), Papier und Stift sowie zwei bis vier Mitspieler inklusive einem Spielleiter. Viele Systeme bieten günstige Einsteigerboxen an, die alles Notwendige enthalten. Alternativ gibt es zahlreiche kostenlose Schnellstarterregeln zum Download, unter anderem für Dungeons & Dragons und Das Schwarze Auge.
Wie lange dauert eine Pen-and-Paper-Sitzung?
Eine typische Sitzung dauert zwischen drei und fünf Stunden. Manche Gruppen spielen kürzer, andere – besonders an Wochenenden – deutlich länger. Eine vollständige Kampagne, also eine zusammenhängende Abenteuergeschichte über mehrere Sitzungen, kann sich über Monate oder sogar Jahre erstrecken.
Ist Pen-and-Paper schwer zu lernen?
Das hängt vom gewählten System ab. Einsteigerfreundliche Systeme wie die fünfte Edition von Dungeons & Dragons oder das Schwarze Auge sind auch ohne Vorkenntnisse zugänglich. Komplexere Systeme wie Pathfinder erfordern mehr Einarbeitungszeit, bieten dafür aber auch mehr taktische Tiefe. Als Faustregel gilt: Einmal mitspielen sagt mehr als stundenlange Regellektüre.



