Pathfinder: Kingmaker

Pathfinder: Kingmaker im Test – Thronfolge mit Hindernissen

Das Erbe von Baldur’s Gate und ein langer Weg zum Thron

Es gibt Spiele, die fühlen sich beim ersten Start an wie eine Heimkehr. Pathfinder: Kingmaker ist eines davon — zumindest für alle, die mit isometrischen Rollenspielen aufgewachsen sind und einmal endlose Stunden in den Vergessenen Reichen von Baldur’s Gate verbracht haben. Kein Wunder: Das Spiel basiert auf dem Pathfinder-Regelwerk, das seinerseits auf Version 3.5 von Dungeons & Dragons aufbaut — demselben Regelwerk, das einst Baldur’s Gate zugrunde lag. Wer die Charaktererstellung öffnet, ist sofort zu Hause.

Doch Pathfinder: Kingmaker ist mehr als Nostalgie. Es ist das erste Videospiel, das auf dem Pen-&-Paper-Rollenspiel Pathfinder basiert — einem System, das seit Jahren als würdiger Nachfolger von D&D 3.5 gilt und eine treue, leidenschaftliche Community hat. Owlcat Games hat dieses Erbe ernst genommen und mit begrenztem Budget Enormes geleistet. Ermöglicht wurde das Spiel durch eine Crowdfunding-Kampagne auf Kickstarter, die fast das Doppelte des angestrebten Zielbetrags einspielte — ein klares Signal, wie groß der Hunger nach einem authentischen Pathfinder-Videospiel war.

Als zusätzlichen Trumpf konnte man Chris Avellone als Co-Autor gewinnen, einen der einflussreichsten Schreiber der CRPG-Geschichte, der bereits an Baldur’s Gate, Planescape: Torment und Pillars of Eternity mitgewirkt hatte. Klingt nach einer schlagkräftigen Streitmacht — und das ist es auch. Aber der Weg zum Thron hat seine Tücken.

Pathfinder Kingmaker Schwierigkeitsgrad

Story: Politische Intrigen und ein Thron zu besetzen

Wer erwartet, behutsam ins Spiel eingeführt zu werden, wird schnell eines Besseren belehrt. Kein erwachender Protagonist ohne Gedächtnis, keine bescheidenen Anfänge im Dorfkrug. Stattdessen: Thronsaal, Herrscherin, direkte Ansage. Die Stolen Lands brauchen einen Baron, und wir sind einer der Bewerber — und nicht der einzige. Die Herrscherin prüft streng. Wir müssen uns beweisen. Dann stürmen Attentäter herein, und plötzlich ist man mittendrin. Das ist Kingmaker in einem Satz: Es wartet nicht, es erklärt nicht alles, und es bestraft nachlässiges Spielen gnadenlos.

Die Geschichte basiert auf dem gleichnamigen Pathfinder-Abenteuerpfad und bietet solide Fantasy-Kost: politische Intrigen, mysteriöse Bedrohungen, Machtkämpfe. Sie erreicht nicht die philosophische Tiefe von Planescape: Torment oder die narrative Dichte von Pillars of Eternity — aber sie bietet genug Substanz für die vielen Spielstunden und entfaltet ihren größten Reiz durch die Begleiter.

Auf bis zu elf rekrutierbare Charaktere trifft man im Spielverlauf — jeder mit einer eigenen Geschichte, eigenen Überzeugungen und echten Abschlüssen in seinen Quest-Arcs. Sie reagieren auf Spielerentscheidungen, mögen oder hassen einander, und bestimmte Kombinationen führen zu offenen Konflikten innerhalb der Gruppe. Ein rechtschaffener Paladin protestiert lautstark bei unmoralischen Taten; ein chaotischer Dieb belächelt starre Regeln. Das ist keine rein mechanische Entscheidung, sondern soziale Dynamik — und sie funktioniert.

Das Spiel ist gnadenlos bei moralischen Entscheidungen. Falsche Worte können Begleiter permanent aus der Gruppe treiben. Grauzonen dominieren: Selten ist klar, was „richtig“ ist. Wer Textboxen wegklickt, wird bestraft. Kingmaker erwartet echtes Engagement mit seinen Dialogen — und das ist keine leere Drohung.

Pathfinder Kingmaker

Charaktererstellung: Überwältigend im besten Sinne

Das Pathfinder-Regelwerk ist eines der komplexesten Pen-&-Paper-Systeme, das je entwickelt wurde — und die Charaktererstellung spiegelt das direkt wider. Sieben Rassen, 14 Basisklassen mit jeweils zwei bis sechs Archetypen, das klassische Sechsattribut-System, dutzende Skills und Feats, neun Gesinnungen, zwanzig wählbare Gottheiten mit mechanischen Boni. Für Genre-Veteranen ist das Himmel. Für Einsteiger kann es erdrückend wirken.

Zum Glück gibt es vorgefertigte Charaktere und ausführliche Tooltips. Trotzdem: Die Lernkurve ist steil. Wer sich mit D&D oder Pathfinder am Tisch nicht auskennt, sollte einen Guide griffbereit haben. Das Spiel erklärt nicht alles aus sich heraus — es setzt ein gewisses Grundverständnis voraus oder erwartet die Bereitschaft, es sich anzueignen.

Das Gesinnungssystem — Rechtschaffen/Neutral/Chaotisch kombiniert mit Gut/Neutral/Böse — ist vollständig mechanisch verankert. Entscheidungen verschieben die Gesinnung, was Begleiter-Beziehungen, Dialogoptionen und sogar Klassen-Fähigkeiten beeinflusst. Wer seinen Charakter konsequent spielt, bemerkt, wie das System diese Konsequenz belohnt.

Pathfinder Kingmaker

Kampfsystem: Taktik oder Tod

Kämpfe in Pathfinder: Kingmaker sind fordernd. Selbst auf „Normal“ erfordern viele Begegnungen taktisches Denken — die Gruppe einfach auf Gegner hetzen funktioniert maximal in den ersten Stunden. Danach ist Positionierung gefragt: Tank, Heiler, Schadensverursacher, Crowd-Control. Dazu kommen Buff-Stacking, Flanking-Boni und situative Fähigkeiten. Wer das ignoriert, stirbt.

Das Spiel bietet fünf Schwierigkeitsgrade von Story bis Unfair — der Name des höchsten ist wortwörtlich gemeint — plus granulare Einstellungen für Schadensmultiplikatoren, kritische Treffer-Regeln, Permadeath und Gegnerwerte. Man kann das Erlebnis sehr weitreichend anpassen, vom entspannten Story-Modus bis zum selbst gewählten Masochismus.

Was sich nicht anpassen lässt: das Spiel ist nicht linear, und man kann jederzeit in Gebiete mit übermächtigen Gegnern stolpern. Zufallsbegegnungen auf der Weltkarte können tödlich sein — Flucht ist dann oft die einzige Option. Das frustriert gelegentlich, ist aber authentisch für D&D-Veteranen, die genau das aus Tischrunnen kennen. Die Gruppenzusammenstellung ist übrigens entscheidend: Es gibt elf potenzielle Wegbegleiter, die Gruppe darf aber maximal sechs Köpfe zählen. Wer klug wählt und auch mal umstrukturiert, hat klar die Nase vorn.

Pathfinder Kingmaker

Königreich-Management: Das Alleinstellungsmerkmal

Hier hebt sich Kingmaker vom Rest des Genres ab. Das Königreich-Management ist kein Gimmick, sondern ein vollwertiges Strategie-Element, das parallel zum Hauptspiel läuft. Begleiter und NPCs übernehmen Berater-Rollen, Städte werden ausgebaut, Ereignisse bearbeitet, Krisen bewältigt, neue Gebiete erschlossen.

Das System ist gut verzahnt mit der Story: Entscheidungen im Königreich beeinflussen das Abenteuer, Gebäude schalten neue Optionen frei, Berater-Quests vertiefen Begleiter-Geschichten. Was das System auch mitbringt: Zeitdruck. Vernachlässigt man das Königreich, entstehen Konsequenzen — bis hin zum Game Over. Man kann nicht endlos Nebenquests machen, ohne regelmäßig die Verwaltung zu erledigen. Für Strategie-Fans ist das großartig. Für Spieler, die ausschließlich das Rollenspiel-Erlebnis suchen, kann es nerven. Zum Glück lässt sich die Management-Komplexität in den Einstellungen reduzieren.

Kein anderes isometrisches CRPG der Generation kombiniert klassisches Rollenspiel mit einem vollwertigen Strategie-Element auf diesem Niveau — und das allein macht Kingmaker zu etwas Besonderem.

Pathfinder: Kingmaker

Präsentation: Schön — mit einem großen Aber

Visuell ist Pathfinder: Kingmaker beeindruckend für ein isometrisches Spiel. Die Umgebungen sind detailliert, atmosphärisch und handgefertigt statt prozedural generiert. Lichteffekte, Zauber-Animationen, der Tag/Nacht-Wechsel — alles sieht überzeugend aus, auch wenn man weit hereinzoomt. Im direkten Vergleich mit Pillars of Eternity II: Deadfire oder Divinity: Original Sin 2 hält Kingmaker visuell gut mit.

Der Soundtrack verdient besondere Erwähnung. Schon im Startmenü stimmt er episch auf das bevorstehende Abenteuer ein. Im Spiel passt die Musik sich situationsgerecht an — dramatisch im Kampf, ruhig bei der Erkundung, lebendig in der Taverne. Das ist ein Paradebeispiel für adaptiven, dynamischen Soundtrack, der die Atmosphäre eines Spiels spürbar trägt. Dazu kommen authentische Umgebungsgeräusche: Lagerfeuer knistern, Dungeons hallen bedrohlich. Insgesamt ist das audiovisuelle Paket eines der Stärken des Spiels.

Was stört: die Ladezeiten. Jeder Gebietswechsel, jedes Laden eines Spielstands — minutenlanges Warten, selbst mit SSD. In einem Spiel, das zum Erkunden einlädt, zermürbt das mit der Zeit. Und die englische Synchronisation ist solide, eine deutsche Sprachausgabe fehlt jedoch gänzlich — was bei einem Spiel, das über Kickstarter fast das Doppelte seines Finanzierungsziels einsammelte, durchaus möglich gewesen wäre. Ein Teil des Geldes floss in Stretch Goals — zusätzliche Missionen und Charaktere, die ebenfalls ihren Wert haben. Immerhin sind die deutschen Untertitel exzellent übersetzt, sichtlich von jemandem, der das Pen-&-Paper-Regelwerk wirklich kennt.

Pathfinder: Kingmaker

Bugs und technischer Stand

Hier muss Klartext geredet werden: Der Launch-Zustand von Pathfinder: Kingmaker war nicht akzeptabel. Abstürze, Quest-Blocker, beschädigte Spielstände — das ist, was man von einem unfertigen Spiel erwarten würde, nicht von einem „Gold“-Release. Owlcat hat intensiv nachgepatcht und das Spiel in einen deutlich stabileren Zustand gebracht. Wer jetzt einsteigt, bekommt ein weitgehend stabiles Erlebnis; wer früh kaufte, erlebte Frust.

Dabei muss fairerweise erwähnt werden: Im Verlauf dieses Tests auf zwei verschiedenen Systemen, dreimal neu angefangen mit unterschiedlichen Schwierigkeitseinstellungen, trat nur ein einziger eindeutiger Bug auf — die Heldengruppe wurde in einem Raum eingesperrt, die Tür ließ sich nicht öffnen. Erfreulich wenig, angesichts der berüchtigten Launch-Probleme. Ein Entwicklerstudio, das so schnell und umfassend auf Fehler reagiert, verdient Anerkennung. Dennoch bleibt der Day-One-Zustand ein Wermutstropfen in der Geschichte dieses sonst starken Spiels.


Umfang und Wiederspielwert

Pathfinder: Kingmaker ist massiv. Je nach Spielstil dauert ein Durchlauf 40 bis 120 Stunden — wer jede Nebenquest mitnimmt, jeden Winkel erkundet und alle Begleiter-Geschichten erlebt, investiert locker 100 Stunden und mehr. Mehrere Enden basieren auf Entscheidungen, unterschiedliche Klassen und Gesinnungen führen zu spürbar verschiedenen Erlebnissen. Der Wiederspielwert ist real und nicht nur behauptet.

Pathfinder Kingmaker

Fazit

Pathfinder: Kingmaker ist für CRPG-Fans ein Fest. Es bietet Komplexität, Tiefe, Umfang und das einzigartige Königreich-Management, das es vom Rest des Genres unterscheidet. Wer bereit ist, sich auf das Pathfinder-Regelwerk einzulassen und die nötige Zeit mitzubringen, bekommt eines der umfangreichsten und ambitioniertesten isometrischen Rollenspiele der letzten Jahre — ein Spiel, das Entscheidungen und Konsequenzen ernst nimmt wie kaum ein anderes.

Gleichzeitig ist es kein perfektes Spiel. Die Ladezeiten zermürben. Das Schwierigkeitsbalancing frustriert stellenweise auch erfahrene Spieler. Die Komplexität des Regelwerks überfordert Einsteiger. Und der Launch-Zustand war ein echtes Problem — auch wenn der aktuelle Patch-Stand das weitgehend behoben hat.

Die Stolen Lands warten auf ihren Baron. Für die richtige Person sind sie es wert.


Wertung

8,4 / 10


Pro & Contra

Pro:

  • Authentische, regeltreue Umsetzung des Pathfinder-Regelwerks
  • Einzigartiges Königreich-Management als vollwertiges Strategie-Element
  • Elf rekrutierbare Begleiter mit eigenen Story-Arcs und echter Tiefe
  • Moralische Entscheidungen mit echten, langfristigen Konsequenzen
  • Extrem umfangreich — 40 bis 120+ Stunden Content
  • Granulare Schwierigkeitsoptionen für jeden Spielstil
  • Atmosphärische, detaillierte Grafik für ein isometrisches RPG
  • Epischer, situationsangemessener adaptiver Soundtrack
  • Hoher Wiederspielwert durch Klassen, Gesinnungen und Entscheidungen
  • Exzellente deutsche Übersetzung der Texte

Contra:

  • Lange Ladezeiten — auch mit SSD belastend
  • Schwerwiegende Bugs zum Launch, viele inzwischen gepatcht
  • Schwierigkeitsbalancing stellenweise unfair, auch auf „Normal“
  • Komplexität des Regelwerks überfordert Genre-Einsteiger
  • Zeitdruck durch Königreich-System nicht für jeden angenehm
  • Keine deutsche Sprachausgabe trotz erfolgreicher Kickstarter-Finanzierung
  • Zufallsbegegnungen manchmal frustrierend unausgewogen

Plattformen: PC (Windows, macOS, Linux), PlayStation 4, Xbox One
Entwickler: Owlcat Games
Publisher: Deep Silver
Genre: Isometrisches RPG
Getestet auf: PC


Häufig gestellte Fragen

Muss ich das Pathfinder-Pen-&-Paper-Regelwerk kennen, um das Spiel zu verstehen?
Nicht zwingend, aber es hilft erheblich. Wer mit D&D oder Pathfinder am Tisch vertraut ist, hat einen klaren Vorteil. Einsteiger können mit vorgefertigten Charakteren und ausführlichen Tooltips einsteigen — sollten aber bereit sein, ergänzend Guides zu Rate zu ziehen.

Wie lange dauert ein Durchlauf?
Je nach Spielstil zwischen 40 und über 120 Stunden. Wer Hauptquest, Nebenquests, alle Begleiter-Geschichten und das Königreich-Management vollständig erlebt, investiert realistisch 80 bis 100 Stunden im ersten Durchlauf.

Ist das Spiel nach dem Launch noch spielbar?
Ja — Owlcat hat intensiv gepatcht. Die schwerwiegenden Bugs, Quest-Blocker und Abstürze der Release-Version sind weitgehend behoben. Wer jetzt einsteigt, bekommt ein deutlich stabileres Erlebnis als zum Launch.

Was unterscheidet Pathfinder: Kingmaker von Pillars of Eternity oder Divinity: Original Sin 2?
Vor allem das Königreich-Management. Kein anderes isometrisches CRPG der Generation kombiniert klassisches Rollenspiel mit einem vollwertigen Strategie-Element auf diesem Niveau. Zudem ist die Umsetzung des Pathfinder-Regelwerks deutlich regeltreuer als die meisten anderen CRPG-Systeme — was mehr Komplexität, aber auch mehr Tiefe bedeutet.

Auf welchen Plattformen ist Pathfinder: Kingmaker verfügbar?
PC (Windows, macOS, Linux) sowie PlayStation 4 und Xbox One. Die Konsolen-Version erschien später als die PC-Version und enthielt alle bis dahin veröffentlichten Patches.

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