Bevor B.J. Blazkowicz 1960 aus dem Schlaf erwacht und eine Revolution beginnt, stand 1946 ein anderer Auftrag auf dem Plan. Wolfenstein: The Old Blood schickt ihn zurück zu den Wurzeln des Franchises — in das Schloss, das dem Namen einer ganzen Reihe ihren Namen gab — und liefert dabei sechs komprimierte Stunden, die mehr können als bloß Vorgeschichte erzählen.

Zwei Kapitel, ein Auftrag
The Old Blood erzählt in zwei klar getrennten Teilen. Im ersten, „Rudi Jäger und die Grube der Wölfe“, kämpft sich Blazkowicz durch Castle Wolfenstein, um geheime Dokumente zu stehlen, die den Aufenthaltsort von General Deathshead verraten. Der zweite Teil, „Die dunklen Geheimnisse der Helga Von Schabbs“, verlässt das Schloss und führt in das Städtchen Wulfburg — wo Helga Von Schabbs‘ okkulte Forschungen eine Bedrohung freigesetzt haben, die das Spiel in unerwartetes Terrain treibt.
Die Verbindung zwischen beiden Teilen ist dramaturgisch etwas holprig, die Übergänge wirken gelegentlich gehetzt. MachineGames hat erkennbar versucht, zwei Spielhälften mit eigenem Charakter zu bauen — das gelingt in der Atmosphäre gut, aber nicht immer in der Kohärenz.
Das Rohr ist mächtiger als das Schwert
Wer The New Order kennt, findet sich in The Old Blood sofort zurecht. Das Kampfsystem ist identisch: duales Waffentragen, Schleichen oder Beschleichen, Granaten, explodierende Bolzen. Der einzige neue Mechanismus ist das Eisenrohr, das Blazkowicz zu Beginn in die Hände fällt. Es dient als Klettergerät — Mauern erklimmen, Vorsprünge greifen — und als Nahkampfwaffe. Beides funktioniert tadellos und erweitert das Spielgefühl spürbar, ohne das Kernprinzip zu verändern.
Das Shooter-Gameplay zeigt dieselbe Qualität wie beim großen Bruder: präzise, befriedigend, mit gutem Gefühl für Raumaufteilung und Gegnerdichte. Wer The New Order für sein Kampfsystem liebte, bekommt hier sechs Stunden davon — ohne Abstriche.
Der zweite Teil bringt Nazis-Zombies ins Bild — übernatürliche Gegner, die Helga Von Schabbs‘ Experimente mit alten Runen freigesetzt haben. Das ist weniger subtil als der politische Realismus des Hauptspiels, fügt aber eine echte Tonal-Verschiebung hinzu: Plötzlich spielt sich The Old Blood wie ein Horrorfilm mit Schrotflinte. Für manche wird das ein Highlight sein, für andere ein Fremdkörper.
Castle Wolfenstein: Das Original neu belebt
Wo The New Order in seiner ersten Hälfte elegisch und dunkel war, ist The Old Blood kompakter und direkter. Das Schloss selbst — Kerker, Türme, steinerne Korridore — fühlt sich wie eine Hommage an das Original von 1981 an, ohne ins Nostalgische abzugleiten. MachineGames hat die Architektur mit echtem Respekt behandelt: Das Schloss hat Gewicht, Geschichte und Gefahr.
Wulfburg ist als Setting weniger stark — ein generisches deutsches Städtchen, das hinter dem atmosphärischen Schloss zurückbleibt. Die okkulte Horror-Kulisse hätte mehr Konsequenz verdient als ein paar Friedhofsabschnitte.
Technik & Umfang
The Old Blood war zum Release als Standalone-Titel für 19,99 Euro konzipiert — kein Season Pass nötig. Die id Tech 5-Engine liefert dasselbe saubere Bild wie The New Order: stabile Framerate, klare visuelle Lesbarkeit auch in dunklen Kellern. Keine technischen Ausreißer, keine Überraschungen.
Der Umfang ist ehrlich: sechs bis acht Stunden Hauptspiel, dazu verstreute Herausforderungen und Gold-Sammelobjekte für Completionisten. Ein Challenge-Modus mit Punktewertung rundet ab — nichts, das nachhaltig bindet, aber ein nettes Extra.
Sound: Jimi Blazkowicz
Das Aushängeschild des Sounddesigns ist der Soundtrack von Mick Gordon — eine Mischung aus Heavy Metal, Jazz und Genre-Fusion, die The Old Blood dieselbe musikalische Identität verleiht wie The New Order. Die Gitarren-Passagen während der Kampfsequenzen sind so ikonisch wie im Hauptspiel.
B.J. Blazkowicz‘ innere Monologe, gesprochen von Brian Bloom, geben dem Spiel emotionale Tiefe, die über das reine Action-Gameplay hinausgeht. Weniger poetisch als im New Order — aber die Qualität ist unverändert hoch.
Fazit: Kompaktes Prequel mit eigenem Charakter
Wolfenstein: The Old Blood ist kein Remaster und kein Lückenfüller. Es ist ein eigenständiger Titel, der das Kampfsystem seines großen Bruders unverändert übernimmt, eine atmosphärisch starke erste Hälfte mit einer unausgewogeneren zweiten Hälfte kombiniert — und dabei mehr Spaß macht als die meisten vollpreisigen Shooter seiner Zeit. Wer die MachineGames-Trilogie vervollständigen will, kommt nicht daran vorbei. Wer The New Order noch nicht kennt: dort anfangen, dann hierher zurückkehren.
WOLFENSTEIN: THE OLD BLOOD
MachineGames · PC / PS4 / Xbox One
Release: 5. Mai 2015
7,5 von 10
| ✅ Stärken | ❌ Schwächen |
|---|---|
| + Kampfsystem auf dem Niveau von The New Order | – Zweite Spielhälfte verliert an Atmosphäre |
| + Rohr-Mechanik erweitert Traversal sinnvoll | – Dramaturgisch holperiger Übergang zwischen beiden Teilen |
| + Erste Spielhälfte in Castle Wolfenstein atmosphärisch stark | – Zombie-Abschnitte polarisieren |
| + Mick Gordons Soundtrack: wieder ikonisch | – Wulfburg bleibt als Setting blass |
| + Fairer Preis für den Umfang | – Zu kurz für eine tiefgreifende Charakterentwicklung |
| + Solide Technik ohne Ausreißer |
Plattformen: PC (Steam), PlayStation 4, Xbox One UVP zum Launch: 19,99 € Für wen: Fans von Wolfenstein: The New Order, die die Lücke schließen wollen — und jeden, der kompakten, atmosphärischen Shooter-Action schätzt.
